Abgeltungssteuer – Schande oder Segen?

Bald ist es soweit die Abgeltungssteuer kommt. Jetzt noch schnell ein Geschäft abschließen?

Maximilian Pisacane schreibt in der FTD

Die Vertreibung der Anleger aus dem Markt

Aktien gehören zu den größten Verlierern der Abgeltungsteuer. Langfristinvestoren werden am stärksten bestraft. Lobbyisten fürchten deshalb um die – ohnehin kaum vorhandene – Aktienkultur Deutschlands.

“Besonders hart trifft die Steuer langfristig orientierte Aktionäre mit geringem und mittlerem Einkommen, wie etwa Belegschaftsaktionäre”, sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Denn wenn die persönliche Steuerlast unter dem relevanten Steuersatz von 25 Prozent liegt, kann der Aktionär die Dividende in seiner Steuererklärung zwar angeben.

Doch auch dann muss er eine Steuererhöhung verkraften: Bei einer Dividende von 1000 Euro und einem angenommenen Steuersatz von 15 Prozent fiele eine Abgeltungsteuer von 158,28 Euro an. Das ist zwar weniger als der Betrag von 263,75 Euro inklusive 5,5 Prozent Soli-Zuschlag, der unter dem generellen Abgeltungsteuertarif anfällt. Beim alten Halbeinkünfteverfahren wären es allerdings lediglich 79,10 Euro.

Schlag ins Gesicht der deutschen Aktienkultur

Um wenigstens in den Genuss des reduzierten Tarifs zu kommen, sollten sich Geringverdiener von ihrem Finanzamt eine sogenannte Nichtveranlagungsbescheinigung ausstellen lassen. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) besitzen in Deutschland lediglich 5,4 Prozent der Bevölkerung Aktien. Die Abgeltungsteuer dürfte dafür sorgen, dass es so schnell nicht mehr werden.

“Das ist ein Schlag ins Gesicht der deutschen Aktienkultur”, sagt DAI-Direktor Franz-Josef Leven. “In anderen Ländern haben wir doppelt bis dreifach so viele Aktionäre.” In Deutschland hingegen könne von einer Aktienkultur angesichts des geringen Bevölkerungsanteils kaum die Rede sein.

Und das, obwohl langfristig Aktien bei überschaubarem Risiko statistisch die höchste Rendite erzielen: Laut einer Studie von Frankfurt Trust haben Aktien in den Jahren 1987 bis 2006 im Schnitt eine jährliche Rendite von 7,1 Prozent abgeworfen und übertreffen damit Anleihen (6,3 Prozent) und Immobilienfonds (5,6 Prozent). Demgegenüber konnten Sparbuchzinsen nicht mal die Inflation ausgleichen.

Kein Land hat vergleichbar hohe Sätze

Um das Potenzial der Aktie zu nutzen und trotzdem die Abgeltungsteuer zu umgehen, können vermögende Investoren und Investmentclubs zu einem Trick greifen: Sie gründen für ihr Depot eigens eine GmbH.

Vorteil: Dividenden und Kursgewinne sind bei Kapitalgesellschaften steuerfrei und werden dank der Umsatzsteuerreform nur mit der Körperschaftssteuer bestraft – die liegt mit 15 Prozent zehn Prozentpunkte unter der Abgeltungsteuer. “Allerdings sind die Verwaltungskosten so hoch, dass es sich erst bei einem Volumen zwischen 2 und 3 Mio. Euro lohnt “, sagt DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler.

Dass die neue Steuer den Finanzplatz Deutschland attraktiver macht, bezweifeln viele Marktbeobachter. Zwar gibt es die Abgeltungsteuer auch in anderen Ländern, doch außer Schweden hat kein Land vergleichbar hohe Sätze. In Frankreich und Großbritannien gibt es beispielsweise eine lange Spekulationsfrist mit gradueller Steuersenkung, Belgien verlangt nur Steuern auf Dividenden und Zinsen, der Kursgewinn bleibt dagegen unangetastet.

Das könnte zu einer neuen Form der Steuerflucht führen: Im Ausland können Anleger völlig legal ein Depot eröffnen. Die dortigen Banken zahlen die Steuern nicht an die deutschen Behörden, und in einigen Ländern gilt noch immer das Bankgeheimnis. Ob dann Anleger ihre Dividenden, Zinsen und Kursgewinne beim Finanzamt angeben, hängt von ihrer Ehrlichkeit ab. Angesichts stetig steigender Abgaben dürfte diese Bereitschaft wohl nicht sehr hoch sein.

Quelle: Financial Times Deutschland – FTD-Serie Informationen für Anleger

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